„Mit Boris über Tennis zu reden ist großartig“

Freitag, 04.08.2018 / schwaebische.de

„Mit Boris über Tennis zu reden ist großartig“

Barbara Rittner, 45, ist seit einem Jahr Head of Women’s Tennis im Deutschen Tennis-Bund (DTB) und soll sich verstärkt um eine gesamtkozeptionelle Nachwuchsförderung kümmern. Außerdem untersteht ihr das Fed-Cup-Team mit Fed-Cup-Kapitän Jens Gerlach, der Rittner im vergangenen Sommer in dieser Position nach 13 Jahren beerbte. Rittner gewann in ihrer Karriere zwei WTA-Titel und kletterte in der Weltrangliste bis auf Rang 24 (1. Februar 1993). SZ-Regionalsportredakteur Marc Dittmann sprach mit Barbara Rittner am Rande des Turniers um die Knoll Open in Bad Saulgau.

Frau Rittner, ein Jahr Head of Women’s Tennis. Wie fällt Ihre Zwischenbilanz aus?

Es ist zwar eine Umgewöhnung, was den Fed Cup betrifft, aber ich war ja bei beiden Partien eng dabei, um Jens Gerlach einzuarbeiten und den Übergang so leicht wie möglich zu machen. Es ist ja auch für die Damen nicht so einfach nach 13 Jahren mit mir, mit jemandem neuen zu arbeiten. Insofern glaube ich, dass ich einfach noch mehr gearbeitet habe, was Management und Organisatorisches betrifft.

Sie haben selbst gesagt, dass Sie sich im Management, auch im Sponsoring verstärkt einbringen wollen. Welche Ziele haben Sie sich als Head of Women’s Tennis in den nächsten Jahren gesetzt?

Noch klarere Strukturen in der Nachwuchsförderung schaffen, mit den fest angestellten Bundestrainern Jasmin Wöhr und Dirk Dier in die Nachwuchsarbeit zu intensivieren. So soll Mike Diehl (Fitnesstrainer des DTB, d. Red.) noch intensivere Pläne machen, sodass wir die vielversprechenden Nachwuchstalente, von denen es gar nicht mehr so viele gibt, besser fördern. Mit einem transparenten Konzept.

Spielt dabei eine Rolle, dass die derzeitigen deutschen Topspielerinnen wie Angelique Kerber alle 30 und älter sind?

Natürlich müssen wir darauf schauen. Wir haben ja auch dahinter, mit dem Porsche-Talentteam, die nächste Generation gefördert, Spielerinnen wie Carina Witthöft, Annalena Friedsam, Annika Beck. Im Moment ist vielleicht eine Situation da, in der diese Generation nicht wie erhofft ihren Weg geht, aus gesundheitlichen oder mentalen Gründen. Das zeigt aber auch wie gut oder wie fleißig die jetzige Generation um Angelique Kerber gearbeitet hat. Wir haben da eine unheimliche Breite, viel Potenzial, das umgesetzt wurde. Und in der Generation gilt, allen voran für Carina Witthöft: Die müssen Gas geben, konstanter und professioneller arbeiten. Das ist der Schlüssel. Wenn ich die Generation danach anschaue, dann sehe ich da zum einen weniger Potenzial. Aber: Die müssen auch noch viel härter arbeiten. Mit Ausnahme von Katharina Gerlach, die immer alles gibt und vorbildlich und fleißig ist.

Das sagt auch der Fitness-Trainer des DTB, Mike Diehl. Es gibt einige Spielerinnen, die nicht aus ihrer Komfortzone rauskommen. Wie Antonia Lottner?

Bei Antonia muss man wirklich Abstriche machen, da sie lange Zeit gesundheitliche Probleme hatte. Eigentlich wartet man bei ihr ja seit drei, vier Jahren auf den Durchbruch. Ich habe das Gefühl - sie wird jetzt 22 - dass sie die Kurve auch noch kriegen kann. An Antonia glaube ich, weil sie einfach auch sehr großes Potenzial hat. Sie war ja mit 14,15,16 eines unserer größten Talente und wenn du das selbst immer wieder hörst, entsteht da schon ein großer Druck.

Sie haben die Strukturen in der Nachwuchsförderung angesprochen. Was heißt das konkret?

Wir haben vor einem Jahr das Porsche-Junior-Team gegründet, mit Spielerinnen der Jahrgänge 2002 bis 2004, die wir gerade in den Schulferien ganz eng zu uns nehmen. Gefragt ist jetzt aber die Generationen der Spielerinnen um die 20. Die müssen Gas geben.

Was kann und soll das deutsche Tennis aus dem Kerber-Triumph in Wimbledon mitnehmen?

Erst mal ist Angelique Kerber das beste Beispiel für die jungen Spielerinnen. Sie ist mit konstanter, harter Arbeit ihren Weg gegangen und die inzwischen 30 ist. Zum einen glaube ich, dass die Athletik erst spät ausreift, zum anderen glaube ich, dass man mental - Angie ist da das perfekte Beispiel - später zur inneren Ruhe und zu sich findet und die viel bessere Spielerin ist. Ich glaube auch, dass eine Kerber und eine Görges noch zwei, drei sehr gute Jahre vor sich haben und auch Angie nicht darüber nachdenkt, jetzt schon zurückzutreten.

Der Fed Cup soll ja auch verändert werden...

Der Fed Cup muss dringend von acht auf 16 Mannschaften aufgestockt werden. Ich finde es lächerlich, dass nur acht Mannschaften um die Weltmeisterschaft spielen.

Könnten Sie sich einen Modus wie bei den Männern vorstellen?

Die einzige Reform, die ich spannend fände, wäre drei Gewinnsätze, best of five, einen Satz bis vier. Dass die Sätze kürzer sind, man besser berechnen kann, wie lange es dauert.

Spielen im kommenden Jahr im Fed Cup die Spitzenspielerinnen?

Jens Gerlach hat bis Ende des Jahres den Auftrag, alle abzufragen. Wer steht bereit, wer nicht. Und da muss man damit rechnen, dass die Vorderen mal absagen: Ich bin über 30, ich verzichte. Aber man muss sich auch darauf verlassen können, dass eine Nachwuchsspielerin wie Carina Witthöft, die jahrelang gefördert wurde, zur Verfügung steht.

Dass sie von dem, was sie erhalten hat, auch etwas zurückgibt....

Genau. Die Spielerinnen sind natürlich heutzutage alle längst nicht mehr so stolz, für ihr Land zu spielen, sondern die schauen alle auf ihre Einzelkarriere. Das ist auch eine Charakterfrage der einzelnen Spielerinnen und da hatten wir - in Sachen Charakter und fürs Land zu spielen - eine gute Generation.

Wie kann man daran arbeiten?

Die, die nicht wollen, kann man nur laufen lassen. Wenn eine Spielerin sagt: Das ist mir nicht so wichtig, muss sie damit rechnen: Du bist halt nicht dabei, dann fährst du übers Jahr halt auch keinen Porsche. Ich fand es immer etwas Besonderes, zwei-, dreimal im Jahr für mein Land zu spielen. Es hat auch was damit zu tun, Lust zu haben, Verantwortung zu übernehmen.

Wie kann man die TV-Präsenz des Tennis erhöhen?

Ich habe das auch schon oft gesagt. Davis-Cup, Fed Cup: Da haben die Öffentlich-Rechtlichen einen Auftrag, auch wenn es noch so schwer ist. Ich habe mich da auch mit dem einen oder anderen Sportchef getroffen. Ich verstehe, dass das schwierig und viel Geld im Spiel ist, aber manchmal zählen diese Ausreden nicht, finde ich. Du musste eine Sache auch pflegen und aufbauen, dass sich ein Zuschauer damit identifizieren kann.

Sind Sie in Bad Saulgau zufrieden?

Ich bin hier immer zufrieden. Ich bin gerne hier, mag die Leute Ich mag diese familiären Turniere. Da kann man unheimlich schön mit den Spielerinnen arbeiten. Da hat man auch mal seine Ruhe. Sportlich ist es super, dass Laura Siegemund spielt. Für die jungen Spielerinnen ist es super, so eine Spielerin auch mal aus der Nähe zu sehen und zu beobachten wie fokussiert und diszipliniert sie arbeitet.

Und mit der jüngeren Generation, die jetzt am Montag zumeist sang- und klanglos in der Qualifikation ausgeschieden ist?

Damit kann ich nicht zufrieden sein, ausgenommen von Katharina Gerlach. Man darf das natürlich nicht pauschalisieren. Aber wir hatten jetzt eine ganze Serie von 25 000-Dollar-Turnieren. Und da hatten wir uns schon ein bisschen mehr erhofft. Da muss jede Einzelne mit sich mal härter ins Gericht gehen und mal überlegen, was da fehlt.

Wie sieht Ihre Zusammenarbeit mit Boris Becker aus, dem Head of Men’s Tennis...

Der Austausch ist sehr gut. Wir sind ja beide Eurosport-Experten, auch jetzt wieder in New York. Da sind wir zwei Wochen zusammen. Da ergeben sich immer wieder interessante Gespräche. Als Spieler habe ich ihn ohnehin unheimlich gemocht, weil er dich emotional mitgenommen hat. Mit Boris über Tennis zu reden, ist großartig. Er hat so eine Leidenschaft fürs Tennis. Wir sind auf Augenhöhe. Es war auch für mich eine große Frage: Wie sehr akzeptiert er mich. Aber wir können von ihm total profitieren. Er weiß wirklich, was es braucht, um einen Champion zu finden. Der einen ganz anderen Blickwinkel: Wie verlasse ich meine Komfortzone, wie quäle ich mich.

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